Notizen und Impressionen aus Italien
12.04.2006

Alles klar, keiner weiß Bescheid........Italien 3 Tage nach der Wahl


Wie erwartet: ein Riesendurcheinander, jeder gegen jeden, die einen feiern, die anderen „pfeifen im Walde“.
Auf der einen Seite kann man die bisherige Opposition verstehen, wenn sie schon mal feiert und Pläne schmiedet, wie es denn nun weitergehen soll. Auf der anderen Seite kann man der bisherigen Regierung sicher nicht das Recht absprechen, angesichts der äußerst knappen Lage die offenkundigen Grauzonen erneut auszuleuchten. Schließlich sind es gerade einmal ein paar Zigtausend Stimmen, die letztlich fehlen, um in der Kammer/Parlament doch noch eine Mehrheit zu haben, im Senat geht es noch knapper zu. Neue Nahrung hat dieser Gedankegewonnen, als nunmehr einige Kartons mit offenbar ausgefüllten Wahlzetteln im Müll gefunden wurden. Zustände „wie im alten Rom“!
Wie immer die Dinge sich weiterentwickeln, folgendes dürfte bereits heute feststehen:
  1. Es wird Monate dauern, bis eine neue Regierung steht und mit der Arbeit ernsthaft beginnen kann. Erst nach der für den 13. Mai geplanten Wahl eines neuen Staatspräsidenten kann ein Auftrag für eine Regierungsbildung erfolgen. Ob diese Wahl so einfach vonstatten geht, muss bezweifelt werden, denn auch hier haben Mehrheiten eine Bedeutung. Es wird sowieso schwer, für einen großen Präsidenten wie Ciampi einen würdigen Nachfolger zu finden.
  2. Wer auch immer die Regierung führen wird, es wird schwer, denn dieses Land hat sich politisch im Wahlkampf noch weiter entzweit, die jetzigen Querelen dürften dies nur verstärken und die Fronten weiter verhärten.
  3. Jeder Tag, der mit weiteren Auseinandersetzungen vergeht, verringert die sowieso nur marginale Chance einer Großen Koalition. Italiener, so pragmatisch sie sonst sein können, sind für eine solche Lösung (auch wenn sie angesichts der grundlegenden Probleme eine echte Chance wäre) nicht zu erwärmen. Ob Berlusconi’s Angebot, eine solche große Lösung anzustreben, wirklich ernst gemeint oder nur ein Vehikel zum Zeitgewinnen ist, mag dahingestellt bleiben. Diese Lösung ist bestenfalls fiktiv und dürfte keine Chance zur Realisierung haben.
  4. Wichtiges bleibt erst einmal liegen, danach dürfte es in der Umsetzung extrem schwer werden, insbesondere dann, wenn die Rechtskoalition tatsächlich im Senat eine wenn auch noch so hauchdünne Mehrheit erlangen sollte.
  5. Objektiv betrachtet wären erneute Wahlen vielleicht nicht die schlechteste Lösung, denn nun wissen die Wähler, dass es um jede Stimme geht. Wahrscheinlichkeit hierfür jedoch nahe Null.

Ergebnis für den Moment: Alles klar, keiner weiß Bescheid, keiner weiß „wo es lang geht“, aber sie marschieren schon mal los. Die Frühlingssonne scheint, die Menschen sind freundlich wie vor der Wahl, das Land wird sich „di riffa o di raffa“, eben irgendwie berappeln wie es das seit über 2000 Jahre getan hat.
In der Zwischenzeit werden ausländische Medien die Entwicklung aufmerksam verfolgen und mit Häme und wohlgemeinten Ratschlägen sicher nicht sparen. Auch daran dürfte sich nichts ändern.


Up
CC-Villas
Up